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Magazin · Spielerschutz

Spielsüchtige in Deutschland: Warum die Zahlen so weit auseinanderliegen

Wie viele Spielsüchtige in Deutschland leben, beantworten die zwei aktuellen Umfragen sehr verschieden: mit 2,2 % oder mit 0,25 % der Menschen bis 70.

Der Abstand kommt vor allem von der Befragung, nur am Telefon oder auch online. Das zeigt die größere Studie selbst.

Drei unterschiedlich hohe Chipstapel, eine Lupe und ein Fragebogen auf einem Klemmbrett, im Hintergrund der Wartebereich einer Beratungsstelle
  • Vier Studienberichte verglichen
Von Moritz Scharf Aktualisiert am

Geprüft am Rechtsstand: Glücksspiel-Survey 2025 · forsa-Glücksspielsurvey 2026 · Deutsche Suchthilfestatistik 2024

Auf einen Blick

  • 2,2 % haben eine Glücksspielstörung, sagt der Glücksspiel-Survey 2025. Befragt wurde am Telefon und online, bezahlt hat der Deutsche Lotto- und Totoblock.
  • 0,25 % spielen wahrscheinlich pathologisch und 0,40 % problematisch, sagt die forsa-Umfrage 2026. Befragt wurde nur am Telefon, bezahlt hat der Automatenverband VDAI.
  • Im Survey selbst haben am Telefon 0,6 % eine Störung, online 5,2 %. Die Befragungsart erklärt den größten Teil des Abstands.
  • Mehr Spielsüchtige als 2019 zeigen die Zahlen nicht. Innerhalb jeder Umfragereihe bleiben die Werte zuletzt etwa gleich.

Zwei Umfragen mit fast gleichem Namen

Beide berufen sich auf dieselbe Reihe. Von 2007 bis 2019 ließ die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) siebenmal erheben, wie in Deutschland gespielt wird. Gefragt hat jedes Mal das Institut forsa.

Seit 2021 führen das Institut für interdisziplinäre Sucht- und Drogenforschung (ISD) in Hamburg und die Universität Bremen den Glücksspiel-Survey fort, mit neuer Methode. Die Ausgabe 2025 hat der Deutsche Lotto- und Totoblock bezahlt, der Verbund der Lottogesellschaften der Länder.

forsa fragt seit 2024 wieder auf die alte Art, unter dem Namen „Glücksspielsurvey“. Bezahlt hat das nach fünf Jahren Pause der Verband der Deutschen Automatenindustrie (VDAI). In ihm haben sich Hersteller, Großhändler und Importeure von Unterhaltungsautomaten zusammengeschlossen.

Die beiden Umfragen im Vergleich

Bezahlt von Survey: Deutscher Lotto- und Totoblock
forsa: VDAI
Befragt Survey: 12.340 Menschen, August bis November 2025
forsa: 11.500 Menschen, März bis Mai 2026
Befragung Survey: Telefon und online
forsa: nur Telefon
Fragebogen Survey: DSM-5
forsa: SOGS
Ergebnis Survey: 2,2 % mit Glücksspielstörung (18 bis 70)
forsa: 0,25 % wahrscheinlich pathologisch, 0,40 % problematisch

Was messen DSM-5 und SOGS?

Beide fragen nach den letzten zwölf Monaten, aber mit anderen Listen. Das DSM-5 ist das Diagnosehandbuch der amerikanischen Psychiater. Es nennt neun Kriterien, etwa Verlusten hinterherjagen oder andere über das Spielen belügen.

Wer vier oder mehr erfüllt, hat nach dem Survey eine Glücksspielstörung: leicht bei vier bis fünf, mittel bei sechs bis sieben, schwer bei acht bis neun Kriterien.

Der SOGS (South Oaks Gambling Screen) hat 20 Fragen mit je einem Punkt. Ab fünf Punkten gilt jemand als wahrscheinlich pathologisch, bei drei oder vier als problematisch.

Der größte Unterschied liegt in der Befragung

Der Survey befragt zwei Gruppen: 8.006 Menschen am Telefon, über Festnetz und Handy, und 4.334 Menschen aus Online-Panels. Das sind Gruppen von Leuten, die sich angemeldet haben, um im Internet an Umfragen teilzunehmen.

Im Anhang des Berichts sind beide Gruppen getrennt ausgewertet. Der Unterschied ist groß:

Glücksspiel-Survey 2025, getrennt nach Befragung
TelefonOnline
Gespielt
in den letzten zwölf Monaten
23,6 %62,1 %
Glücksspielstörung
18 bis 70 Jahre
0,6 %5,2 %
davon schwer
8 oder 9 Kriterien
0,2 %1,6 %
Riskant Alkohol
zum Vergleich
24,0 %24,3 %

Für das Gesamtergebnis zählen die Telefonbefragten zu zwei Dritteln, die Online-Befragten zu einem Drittel. So entstehen die 2,2 %.

forsa fragt nur am Telefon. Problematisch und wahrscheinlich pathologisch zusammen ergeben dort 0,65 %. Das liegt nah an den 0,6 % der Telefongruppe im Survey, obwohl beide Umfragen andere Fragebögen nutzen.

Warum fragt der Survey auch online?

Weil reine Telefonumfragen Schwächen haben, schreiben die Autoren: Immer weniger Menschen machen mit, und bei heiklen Fragen antworten manche so, wie es gut ankommt.

Am Telefon kam 2025 nur etwa jedes vierte geplante Interview zustande (Ausschöpfung 24,3 %). Seit 2021 ergänzt der Survey deshalb die Telefoninterviews um Online-Befragte.

Liegt es am Fragebogen?

Wohl nur zum kleineren Teil. Der Survey hat denselben Menschen einen zweiten, international verbreiteten Fragebogen vorgelegt, den PGSI. Danach spielen 2,0 % problematisch, kaum weniger als die 2,2 % nach DSM-5.

Online liegt der Anteil mit Störung dagegen fast neunmal so hoch wie am Telefon.

Welche Zahl stimmt?

Das kann keine der Umfragen sicher sagen. Beide Methoden haben Schwächen, und die Forscher nennen sie selbst:

  • Am Telefon verschweigt eher, wer ein Spielproblem hat. Schon der BZgA-Bericht 2019 erwartete deshalb, dass der Anteil eher zu niedrig ausfällt. Der SOGS schätze die wahrscheinlich pathologischen Fälle dagegen eher zu hoch ein, heißt es dort.
  • In die Online-Panels melden sich Menschen selbst an. Im Survey haben die Online-Befragten mehr als doppelt so oft gespielt wie die am Telefon. Die Panels haben zwischen 2021 und 2025 gewechselt, was die Ergebnisse beeinflusst haben könnte, schreiben die Autoren.
  • Beide Umfragen erreichen niemanden, der älter als 70 ist, kein Deutsch spricht, weder Telefon noch Internet hat, in einer geschlossenen Einrichtung oder im Gefängnis lebt oder obdachlos ist.

Die Glücksspielbehörde der Länder (GGL) stützt sich in ihrem Tätigkeitsbericht 2025 auf den Survey. Hochgerechnet sind das rund 1,25 Mio. Menschen. Mehr Zahlen dazu stehen auf unserer Seite Glücksspielmarkt in Deutschland.

Spielt es eine Rolle, wer bezahlt?

Beide Geldgeber gehören zum Glücksspielmarkt: die Lottogesellschaften mit dem Lotto, die Mitglieder des VDAI mit ihren Automaten.

Die Autoren des Survey schreiben, alle Entscheidungen über Methode und Auswertung lägen allein bei ihnen. forsa stellt die Daten seiner Umfrage Forschern im GESIS-Datenarchiv kostenlos zur Verfügung.

Dass eine Zahl deshalb falsch ist, folgt daraus nicht. Nennt ein Text nur eine der beiden Zahlen, lohnt aber der Blick, woher sie stammt.

Gibt es mehr Spielsüchtige in Deutschland als 2019?

Das lässt sich aus den Zahlen nicht ablesen. Der Sprung auf über 2 % fällt genau auf 2021, als der Survey Befragung und Fragebogen wechselte. Ein Vergleich mit den Umfragen bis 2019 sei deshalb nur eingeschränkt möglich, schreiben die Autoren.

Zwei Reihen, jede für sich
JahrSurveyBZgA/forsa
2019–0,34 %
20212,3 %–
20232,4 %–
2024–0,28 %
20252,2 %–
2026–0,25 %

Survey: Glücksspielstörung nach DSM-5, Telefon und online. BZgA/forsa: wahrscheinlich pathologisch nach SOGS, nur Telefon.

Innerhalb jeder Reihe ändert sich zuletzt wenig. forsa findet für die wahrscheinlich pathologischen Fälle seit 2009 keinen klaren Trend, für die leichteren Stufen einen Rückgang.

Was die Suchthilfe zählt

Eine dritte Quelle fragt nicht die Bevölkerung, sondern zählt Betreuungen: die Deutsche Suchthilfestatistik. Für 2024 haben 878 ambulante und 158 stationäre Einrichtungen ihre Daten geliefert.

Glücksspiel war der Anlass für rund 3 % der 323.478 ambulanten Betreuungen und 2 % der 38.045 stationären Behandlungen. Pro ambulanter Einrichtung hat sich die Zahl der Glücksspiel-Fälle seit 2017 etwa halbiert, von 11,3 auf 5,6.

Als Hauptproblem nennen die ambulant Betreuten am häufigsten:

  • Geldspielautomaten in Spielhallen: 34 %
  • Automatenspiele online: 23 %
  • Sportwetten online: 12 %

Diese Zahlen zeigen, wer Hilfe sucht, nicht wie viele Menschen Hilfe bräuchten. Außerdem macht nur ein Teil der Einrichtungen mit, ambulant geschätzt gut drei Viertel.

Was die Zahlen für dich heißen

Ob du selbst ein Problem hast, sagt dir keine Statistik, sondern dein eigenes Spiel. Die Warnzeichen und die Stellen, die dir helfen, stehen auf unserer Seite zu Spielsucht.

Bei welchen Spielen Probleme am häufigsten sind, zeigt der Ratgeber zu Spielautomaten.

Quellen